Meltzer, Brad; Das Buch der Lügen
Meltzer, Brad: Das Buch der Lügen, 2009 Rowohlt Verlag, ISBN: 978 3 499 25269 3
Väter, Söhne und das Tragen von Schuld
Es geht um Beziehungen, wie sie dramatischer kaum sein können: Ein Priester wurde wegen Homo-Verdachts von der Familie verstoßen, ein Kind verliert erst die Mutter, und dann muss der Vater ins Gefängnis, von wo er aus dem Leben des Sohnes verschwindet. Das Mitglied einer ominösen Gruppe kämpft um die Wiederbeschaffung eines Artefaktes, und damit um die Anerkennung innerhalb seiner Familie und der Gruppe.
Es geht um das Buch der Lügen und um die Frage, wie Kain seinerzeit Abel tötete. Aber geht es wirklich „nur“ um die älteste Mordwaffe der Welt oder um die Frage, warum ER dem Täter verzieh? Der Autor schickt Cal von Florida über Cleveland und Ohio bis ins sonnige Kalifornien, um dieses Artefakt zu beschaffen. Begleitet von seinem Vater und dessen Freundin, verfolgt, unterstützt und beschattet von Personen, deren Rolle unklar bleibt, wird aus der Jagd sehr schnell ein Road-Movie. Und am Ende spielt es keine Rolle mehr, wie das Artefakt ausschaut. ER gab Kain ein Zeichen, um die Strafe zu mildern und die Menschen vor Selbstjustiz und Selbstgerechtigkeit zu warnen.
Der Autor versteht es sehr gut, durch scheinbar zufällige Handlungsskizzen die Personen des Buches zu charakterisieren. Sie sind, was sie tun. Sie sind, was man aus ihnen gemacht hat. Falls sich dies nicht später als Lüge oder Halbwahrheit entpuppen sollte. Entpuppt sich nicht schon der verschwundene Vater als Mann in guten Verhältnissen lebend, obwohl man ihn per Zufall (oder auch nicht) als Obdachlosen fand?
Leider hat das Buch aber auch seine inhaltlichen Schwächen. Mitchell Siegels Vater ist zwar ein armer Jude, besitzt aber wenige Zeilen später Gold und Ringe, um den Versuch zu wagen, den Sohn vom Militärdienst freizukaufen. Sogar die Familienbibel wird verhökert. Der junge Mitchell überlebt als Einziger ein gefährliches Abenteuer, erbeutet dabei fünf Artefakte, wovon er vier an die Amerikaner verkauft. Diese benötigten zwar auch das fünfte Stück, unternehmen aber keinen ernsthaften Versuch, an das Artefakt zu gelangen. Später, in Amerika, taucht dann wieder die – damals vom Großvater verkaufte – Familienbibel wieder aus dem Nichts auf, um von Jerry Siegel als Versteck für das Artefakt verwendet zu werden. Jerry schenkt dem Museum diese Bibel. Im Museum wird das Buch katalogisiert, jedoch merkt bei dieser Gelegenheit niemand, welch brisanten Inhalt es birgt. Auch im Gefängnis, wo die Bibel letzten Endes landet, wird niemand misstrauisch, obwohl eine Bibel von 1875 in Hebräisch/Russisch nebst Artefakt doch eigentlich eine Nachfrage beim Schenker wert sein sollte. Aber die amerikanischen Behörden, die Mitchell Siegel immer noch ein wenig unter Beobachtung halten, sind auch nicht klüger oder fleißiger. Obwohl das Artefakt so wichtig ist, dass man den Finder unter Beobachtung hält, versäumt man es, der verarmten Familie Siegel Geld anzubieten. Den Versuch, sich mit List (vulgo: schlichten Diebstahl) des Artefakts zu bemächtigen, unternimmt man erst gar nicht. Auch den Mord an Mitchell Siegel kann man nicht verhindern.
Fazit: Interessantes Thema, gute Figuren und eine actionreiche Handlung, die bis zum Ende spannend bleibt. Leider hapert es bei einigen wichtigen Stellen an der Glaubwürdigkeit. Hier hätte man sich einen logischeren Aufbau gewünscht. Wer Spannung pur liebt, ist mit dem Buch gut bedient. Wer jedoch höhere Ansprüche an ein solches Werk stellt, wird unzufrieden sein.
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Es gibt kein größeres Laster als Tugend im Übermaß.
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