»Feier-Tage

... wichtige Momente des Lebens«

Titelbild Engeldorfer Verlag 2009
ISBN: 978-3-86703-976-5
Preis: 11,00 Euro
152 Seiten

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Aus dem Inhalt:


Der Reinerlös dieser Anthologie geht an das Ambulante Kinderhospiz München (AKM).



Klappentext:

Jeder von uns kennt diese Situation: völlig unerwartet stehen wir an einem Wendepunkt unseres Lebens.
Banale Einladungen entwickeln sich zu überraschenden Erkenntnissen. Wir begegnen Menschen, die alles verändern. Oder wir werden vor eingreifende Entscheidungen gestellt, deren Ausmaß und Folgen für uns nicht auszumachen sind. Der Alltag wird auf einmal zum Abenteuer ...

Dies alles und noch viel mehr haben sich die Autoren der »Literaturinsel« zum Thema gemacht und schenken uns mit ihren nachdenklichen, aufrüttelnden und humorvollen Kurzgeschichten nicht nur kurzweilige Stunden, sondern auch ein Stück wunderbare Literatur.

Vorwort (Auszug):

Von alters her erzählen Menschen sich Geschichten; Dinge, die sie selbst erlebt oder miterlebt, gelesen oder von andern Menschen gehört haben. Viele dieser Geschichten sind es wert, aufgeschrieben zu werden, bevor sie für immer verloren sind. Auf die Wettbewerbsaufforderung des Anthologieforums Literaturinsel, einen 10 000-Zeichen-Text zum Thema »Feier-Tage« zu schreiben, antworteten die eingeladenen Autoren mit einer Fülle von Anekdoten, Erinnerungen und Geschichten. Die geschilderten Erlebnisse reihen sich ein in die Erfahrungen, die wir selbst schon mit »Feier-Tagen« gemacht haben: Festtage wie Ostern oder Weihnachten können, müssen aber nicht immer Tage zum Feiern sein. Auf der anderen Seite gewinnen profane Alltagstage feierlichen Glanz, wenn sie uns außergewöhnliche Einsichten schenken. [...]

Simone Edelberg, München im Oktober 2008

Leseproben:

aus »Das Laubhüttenfest« von Iris Klockmann

Elis Ritterburg nahm langsam Gestalt an. Aus einem Stück Lehm formte er eine Rolle, platzierte sie geschickt an der vorgesehenen Stelle und drückte sie fest. Er lächelte. Der Regen, der letzte Nacht über Jerusalem gefallen war, hatte den Boden genug aufgeweicht, um weiter bauen zu können. Er kniff die Augen zusammen und ließ den Blick über den Trümmerhaufen gleiten, vor dem er hockte. Zwischen Schutt, Steinen und den Resten eines alten Zaunes blitzte etwas. Was das wohl war? Als er in dem Haufen einige bunte Scherben entdeckte, trat er näher. Vorsichtig griff er hinein und zog eine nach der anderen heraus. Das blau und grün gefärbte Glas kam ihm eigenartig bekannt vor. Sein Herz machte einen schmerzhaften Satz, als er es erkannte. Sie gehörten zu den Fensterscheiben der Synagoge, die er gemeinsam mit seinen Eltern an Shabbat so gern besuchte. Eli liebte ihre Atmosphäre, wenn sich die Gläubigen seines Dorfes dort versammelten und gemeinsam beteten und sangen. Seine Hände begannen zu zittern. Zwei Wochen zuvor war in der Synagoge eine Bombe detoniert. Seitdem war das Gotteshaus, das nur hundert Meter von seinem Haus entfernt stand, gesperrt. So weit sind die Scherben geflogen, überlegte er und fröstelte plötzlich in der Sonne [...]

aus »Der Glasengel« von Simone Edelberg

Sieglinde erwachte um sechs, so wie sie es ihr Leben lang getan hatte. Vogelgezwitscher streichelte ihre Ohren, während sie in die Küche ging. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr noch jemanden, der auf der Suche nach Frühstück war: Ein Buchfink hüpfte im Futterhaus herum, pickte Körner und tschilpte erbost, wenn er eine leere Schale erwischte.

Eine Weile sah Sieglinde ihm zu, dann stellte sie die Kaffeemaschine an und huschte über die morgenkalten Fliesen ins Bad. Feinmachen war angesagt, denn heute war der 24. Dezember. Sieglinde stand vor dem Spiegel und staune einen Moment lang über die Landstraßen, die das Leben kreuz und quer über ihre knochigen Wangen gezogen hatte. Sie seufzte den Seufzer einer Frau, die längst die Symptome des Alters akzeptiert hatte. Und machte sich dennoch ans Werk, puderte ihre zerknitterte Haut, malte ihre dünnen Augenbrauen nach und vervollständigte das Bild mit einem Lippenstrich in Blassrosa.
Sie kehrte zurück ins Schlafzimmer und ging am Bett vorbei zum Kleiderschrank. Es war ein Doppelbett, aber nur die rechte Hälfte wurde benutzt. Sieglinde überlegte, was sie heute anziehen sollte. Gestern hatte sie ein blaues Kostüm getragen, aber heute wollte sie festlich aussehen. Sie entschied sich für ihren langen schwarzen Rock und eine weiße Bluse. Dazu Pumps, die mussten schon sein an einem Tag wie heute! [...]

aus »Der große Abschluss« von Sylvia M. Dölger

»Frau Rosenthal, Frau von Kleber ist jetzt da.« Ihre Sekretärin verließ den Raum. Der graue Flanellstoff könnte einen Zentimeter länger sein, dachte Marianne, während sie einen kurzen Blick auf die Unterlagen warf. Frau von Kleber, geschieden, suchte eine Villa für sich und ihre drei Töchter. Hier hatte sie genau das Richtige. Dreihundert Quadratmeter, drei Bäder, Marmor. Großer Garten mit Swimmingpool. Der Kaufpreis – nun ja. Ihr größter Abschluss. Sie schürzte die Lippen. Die Lage war nicht ganz das, was der Kundin vorschwebte.

Die Sekretärin führte die Kundin in ihr Büro und servierte Kaffee auf einem kleinen Tablett. Dazu hatte sie feine Pralinen dekoriert.
»Guten Tag, Frau Kleber. Nehmen Sie bitte Platz.«
Die Frau im roten Kostüm reichte ihr eine mit Brillanten geschmückte Hand, drückte nicht richtig zu, setzte sich und schlug elegant ihre schlanken Beine übereinander. Marianne schätzte sie auf circa zweiundvierzig oder älter und gut geliftet. Solche Verjüngungskuren waren in diesen Kreisen ja nicht unüblich.

»Frau Rosenthal, haben Sie etwas Geeignetes gefunden?«
Marianne schlug ihre Beine mindestens genau so elegant übereinander. »Ja, Frau von Kleber. Ich habe genau das richtige Objekt für Sie.« Sie lächelte und deutete auf einige Bilder an der Stellwand, an der das Anwesen präsentiert wurde. »Schauen Sie sich nur mal diese Fotos hier an.«
Frau von Kleber ging darauf zu.

Das Telefon klingelte. Warum stellte ihre Sekretärin jetzt einen Anruf durch? [...]