Klappentext:
In einer schnelllebigen Zeit, in der sich der Globus immer rascher zu drehen scheint, sehnt sich der Mensch nach einem Moment der Ruhe und Beschaulichkeit.
Was aber ist, wenn die Welt plötzlich stehen bleibt?
Dieser Frage sind die zwölf in diesem Buch vertretenen Autoren nachgegangen und haben dabei Skurriles, Heiteres, Erschreckendes, Melancholisches und Fantastisches entdeckt.
Belauschen Sie den Tod beim Kaffeeklatsch, erkunden Sie den schier makellosen Körper einer Traumfrau oder lassen Sie sich vom Wind in ungeahnte Dimensionen tragen. Begleiten Sie ungewöhnliche Menschen, Tiere und sonstige Kreaturen an nicht immer gewöhnlichen Orten, und lassen Sie sich, fern des Alltags, von wunderbaren Geschichten verführen!
Vorwort:
Wenn die Welt stehen bleibt, stagniert sie. Sollte man meinen.
Nicht so bei den Autoren des Anthologieforums! Als die Betreiber der Internetplattform im Frühjahr 2010 die Mitglieder aufriefen, zu dem Thema »... und die Welt stand still ...« Geschichten für die diesjährige Anthologie einzureichen, gingen zahlreiche wunderschöne Texte ein. In dem vorliegenden Buch haben wir die besten davon für Sie, liebe Leser, zusammengestellt und sind überzeugt: Wenn beim Lesen auch nicht Ihre Welt stehen bleibt – Ihre Umgebung werden Sie vergessen!
Lernen Sie das Innenleben einer Taschenuhr kennen. Erfahren Sie, warum in einem japanischen Dorf plötzlich alles Leben erstarrt. Halten Sie inne und belauschen Sie die Gedanken Ihrer Mitmenschen. Oder erleben Sie ergreifende und erschreckende Momente mit den von unseren Autoren erschaffenen Figuren.
Nahtlos reihen sich die unterschiedlichen Geschichten aneinander, verbunden durch einen Satz, der die stillstehende Welt benennt, die – so werden Sie beim Lesen merken – meist keineswegs so stillsteht, wie der erste Augenschein glauben machen will ...
Die Autoren und das Herausgeberteam wünschen Ihnen viel Vergnügen und freuen sich, einen Beitrag leisten zu können, um das Tierheim Dachau e.V. zu unterstützen, dem der Reinerlös dieser Anthologie zugute kommt.
Patrick Schön
Gründer des Anthologieforums
Leseproben:
aus »Staubkörner« von Mo Kast
Sanfte Hände streicheln über meinen geschmeidigen
Körper. Ich werde von liebevollen Augen betrachtet.
Dieser Blick macht mich lebendig, er gibt meiner Existenz
einen Sinn. Man bettet mich auf weichen Stoff. Ich gebe
einen zufriedenen Laut von mir. Es ist ein schönes Gefühl, so
zärtlich berührt zu werden. Eine goldene Kette schmiegt sich
an mich, nur für mich gemacht. Auf Hochglanz poliert, strahle
ich im Sonnenlicht. Ich bin eine Schönheit in der Blüte meines
Seins. Es ist eine gute Zeit. Ich bin noch jung, bin mir sicher,
ich werde nur für diesen einen Mann leben. Dieser Mann mit
den langen, geschickten Fingern, die mich immer so behutsam
berühren. Ich bin die Welt für ihn und er ist die Welt für mich.
»Weißt du eigentlich, wie wundervoll du bist?« Seine Stimme
plätschert warm über mich hinweg – so voller Liebe. Eine
Liebe, die nur mir gelten kann, seinem größten Schatz. Jedes
meiner kleinen Rädchen hat er mit Bedacht gewählt. Liebevoll
und mit filigranem Werkzeug festgezogen. Ich bin sein
makelloses Meisterstück. Mein Gehäuse aus Gold. Mein Ziffernblatt
aus Elfenbein, geschützt von klarem Kristall. Die
zart geschwungen Zeiger bewegen sich mit der Eleganz der
Zeit. Meine kleine Krone mit einem reinen Diamant besetzt.
Durch mich bekommt Vergänglichkeit das schönste Gesicht.
Die Zeit fließt durch mich hindurch und verändert ihn. Erst
langsam wird mir bewusst, was es bedeutet, eine Uhr zu sein.
Ich bin sein Begleiter in den Tod. Mit jedem leisen ›Tick‹ wird
er einen Moment älter und zerbrechlicher. Es ist ein Prozess,
den ich nicht zu stoppen vermag.
Jeden Tag, immer pünktlich, als hätte er eine innere, unbarmherzige
Uhr, zieht er mich mit zittrigen Fingern wieder
auf. Seine Berührungen sind noch so sanft wie am ersten Tag.
Aber seine Augen werden trübe. Ich bin mir nicht sicher, ob
er noch verstehen kann, was ich ihm sage. Dieser Blick tut so
unendlich weh und trotzdem muss ich weitermachen. Ich soll
den Schmerz einer Uhr kennenlernen.
»Du musst immer weiterticken, hörst du? Niemals aufgeben!« Ich bin noch zu jung, um die Bedeutung seiner letzten
Worte zu verstehen. [...]
aus »We Sell Emotions« von Inga Westermann
›We Sell Emotions‹.
Der Text war an die Wand projiziert. In einem
warmen, tiefen Violett hoben sich die Buchstaben
von der cremeweißen Wand ab.
Deswegen war Caitlin hier. Um sich ein Bewusstseinsimplantat
einsetzen zu lassen. Sie wollte Emotionen zur
Entspannung kaufen. Die Bilder der Aktivierungssequenz
hatte sie selbst auswählen können. Im Implantat war gespeichert,
welche Nervenimpulse durch diese Bilder ausgelöst
wurden. Passte die Reihenfolge, dann aktivierte sich
das Implantat.
Eine Folge von Emotionen würde von aufkeimender Erregung
bis zur tiefen Befriedigung führen. Dafür wäre keine
körperliche Aktivität vonnöten. Kein Partner, weder Mann
noch Frau. Es gab keine Krankheiten, die aus diesem Akt
entstanden. Die Implantate galten für gesunde Menschen als
vollkommen unbedenklich, und Caitlins gute Konstitution
war in vielfältigen Tests bestätigt worden.
Der Herr im schwarzen Edelkunstfaseranzug hatte sie ›eine
ideale Kandidatin‹ genannt. Er trug bewusst keinen Kittel,
wollte keine klinische Kälte vermitteln. Das gesamte Ambiente
der Firma war auf Wellness ausgelegt. Dennoch waren
die Operationssäle absolut steril. Ein Team von Ärzten würde
den Eingriff überwachen.
Schon am Abend sollte es ihr möglich sein, die ersten Emotionen
abzurufen. Durch die körperlichen Reaktionen würde
sie sich entspannen können [...]
aus »Der Erwählte« von Abel Inkun
Zu Zeiten des großen mongolischen Eroberers Taberlan
lebte in Samarkand, der ältesten Stadt der Erde, ein
weiser Hammel. Sein Name war Ali, der Gerechte. Ali
war der Hammel des Muezzin und wohnte in einem Stall in
der Nähe der wunderbaren Bibi-Khanum-Moschee.
Ali war ein besonders frommes Tier. Seine Brüder und
Schwestern holten häufig in Fragen des Glaubens und des
gottesfürchtigen Lebens seinen Rat ein. Gab es Streit unter
den Schafen, wurde Ali gebeten zu vermitteln und ein gerechtes
Urteil über die Angelegenheit zu fällen. Den Weibern
erklärte er, wie sie nach dem Willen Mohameds ihre Männer
beraten und unterstützen sollten und wie sie die Kinder zu
erziehen hatten. Die Lämmer unterwies er in den Lehren des
Koran. Auch heute unterrichtete er die Kleinen. »Bedenket
immer, meine Kinder: Wir sind die von Gott erwählte Rasse,
das höchste und vollkommenste Tier der Schöpfung. Die
Schafe sind von Allah in besonderem Maße gesegnet. Wir
müssen uns zum Beispiel keine Sorgen darüber machen,
welche unserer Speisen ›halal‹ – also rein – sind oder nicht.
Allah hat in seiner Gnade unsere Mägen so erdacht, dass wir
gar kein unreines Fleisch zu uns nehmen können. So werden
wir vor der Sünde bewahrt und sind, ohne etwas dafür tun
zu müssen, dem Paradies ein gutes Stückchen näher als die
Menschen.« Ali lächelte und blökte den Lämmern freundlich
zu, während die Kleinen frohgemut an ihren Blättern und
Rüben knabberten.
Unbemerkt näherte sich ihnen Hassan, der jüngere Bruder
Alis. Hassan war ein heißsporniger Widder und nahm es im
Gegensatz zu Ali mit der Religion nicht so genau. Er genoss
viel lieber das Leben und machte den hübschen Frauen im
Stall schöne Augen.
»Vergesst niemals die Pflicht, fünf Mal am Tage zu beten
und euch gegen Mekka zu verbeugen«, rief Ali. »Der wahre
Gottesfürchtige spricht natürlich zusätzlich freiwillige Bittgebete, um Allahs Schutz und Segen zu erflehen. Gerne
kann ich euch nachher Textvorschläge dafür geben, meine
Kinderchen.« Selbstgefällig schloss er die Augen und kaute
am Heu.
Hassan brach in blökendes Gelächter aus. [...]