»... und die Welt stand still ...«

... als E-Book:

WortKuss Verlag 2011
Herausgeber: Anthologieforum
ISBN: 978-3-942026-17-8
ASIN: B005ODHITE
Preis: 2,99 Euro
Kindle Edition
259 KB
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Sprache: Deutsch

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Aus dem Inhalt:


Der Reinerlös dieser Anthologie geht an den Tierschutzverein Dachau e.V.



Klappentext:

In einer schnelllebigen Zeit, in der sich der Globus immer rascher zu drehen scheint, sehnt sich der Mensch nach einem Moment der Ruhe und Beschaulichkeit.

Was aber ist, wenn die Welt plötzlich stehen bleibt?
Dieser Frage sind die zwölf in diesem Buch vertretenen Autoren nachgegangen und haben dabei Skurriles, Heiteres, Erschreckendes, Melancholisches und Fantastisches entdeckt.

Belauschen Sie den Tod beim Kaffeeklatsch, erkunden Sie den schier makellosen Körper einer Traumfrau oder lassen Sie sich vom Wind in ungeahnte Dimensionen tragen. Begleiten Sie ungewöhnliche Menschen, Tiere und sonstige Kreaturen an nicht immer gewöhnlichen Orten, und lassen Sie sich, fern des Alltags, von wunderbaren Geschichten verführen!

Vorwort:

Wenn die Welt stehen bleibt, stagniert sie. Sollte man meinen.
Nicht so bei den Autoren des Anthologieforums! Als die Betreiber der Internetplattform im Frühjahr 2010 die Mitglieder aufriefen, zu dem Thema »... und die Welt stand still ...« Geschichten für die diesjährige Anthologie einzureichen, gingen zahlreiche wunderschöne Texte ein. In dem vorliegenden Buch haben wir die besten davon für Sie, liebe Leser, zusammengestellt und sind überzeugt: Wenn beim Lesen auch nicht Ihre Welt stehen bleibt – Ihre Umgebung werden Sie vergessen!

Lernen Sie das Innenleben einer Taschenuhr kennen. Erfahren Sie, warum in einem japanischen Dorf plötzlich alles Leben erstarrt. Halten Sie inne und belauschen Sie die Gedanken Ihrer Mitmenschen. Oder erleben Sie ergreifende und erschreckende Momente mit den von unseren Autoren erschaffenen Figuren.

Nahtlos reihen sich die unterschiedlichen Geschichten aneinander, verbunden durch einen Satz, der die stillstehende Welt benennt, die – so werden Sie beim Lesen merken – meist keineswegs so stillsteht, wie der erste Augenschein glauben machen will ...

Die Autoren und das Herausgeberteam wünschen Ihnen viel Vergnügen und freuen sich, einen Beitrag leisten zu können, um das Tierheim Dachau e.V. zu unterstützen, dem der Reinerlös dieser Anthologie zugute kommt.

Patrick Schön
Gründer des Anthologieforums

Leseproben:

aus »Staubkörner« von Mo Kast

Sanfte Hände streicheln über meinen geschmeidigen Körper. Ich werde von liebevollen Augen betrachtet. Dieser Blick macht mich lebendig, er gibt meiner Existenz einen Sinn. Man bettet mich auf weichen Stoff. Ich gebe einen zufriedenen Laut von mir. Es ist ein schönes Gefühl, so zärtlich berührt zu werden. Eine goldene Kette schmiegt sich an mich, nur für mich gemacht. Auf Hochglanz poliert, strahle ich im Sonnenlicht. Ich bin eine Schönheit in der Blüte meines Seins. Es ist eine gute Zeit. Ich bin noch jung, bin mir sicher, ich werde nur für diesen einen Mann leben. Dieser Mann mit den langen, geschickten Fingern, die mich immer so behutsam berühren. Ich bin die Welt für ihn und er ist die Welt für mich.

»Weißt du eigentlich, wie wundervoll du bist?« Seine Stimme plätschert warm über mich hinweg – so voller Liebe. Eine Liebe, die nur mir gelten kann, seinem größten Schatz. Jedes meiner kleinen Rädchen hat er mit Bedacht gewählt. Liebevoll und mit filigranem Werkzeug festgezogen. Ich bin sein makelloses Meisterstück. Mein Gehäuse aus Gold. Mein Ziffernblatt aus Elfenbein, geschützt von klarem Kristall. Die zart geschwungen Zeiger bewegen sich mit der Eleganz der Zeit. Meine kleine Krone mit einem reinen Diamant besetzt. Durch mich bekommt Vergänglichkeit das schönste Gesicht.

Die Zeit fließt durch mich hindurch und verändert ihn. Erst langsam wird mir bewusst, was es bedeutet, eine Uhr zu sein. Ich bin sein Begleiter in den Tod. Mit jedem leisen ›Tick‹ wird er einen Moment älter und zerbrechlicher. Es ist ein Prozess, den ich nicht zu stoppen vermag.
Jeden Tag, immer pünktlich, als hätte er eine innere, unbarmherzige Uhr, zieht er mich mit zittrigen Fingern wieder auf. Seine Berührungen sind noch so sanft wie am ersten Tag. Aber seine Augen werden trübe. Ich bin mir nicht sicher, ob er noch verstehen kann, was ich ihm sage. Dieser Blick tut so unendlich weh und trotzdem muss ich weitermachen. Ich soll den Schmerz einer Uhr kennenlernen.

»Du musst immer weiterticken, hörst du? Niemals aufgeben!« Ich bin noch zu jung, um die Bedeutung seiner letzten Worte zu verstehen. [...]

aus »We Sell Emotions« von Inga Westermann

›We Sell Emotions‹. Der Text war an die Wand projiziert. In einem warmen, tiefen Violett hoben sich die Buchstaben von der cremeweißen Wand ab.
Deswegen war Caitlin hier. Um sich ein Bewusstseinsimplantat einsetzen zu lassen. Sie wollte Emotionen zur Entspannung kaufen. Die Bilder der Aktivierungssequenz hatte sie selbst auswählen können. Im Implantat war gespeichert, welche Nervenimpulse durch diese Bilder ausgelöst wurden. Passte die Reihenfolge, dann aktivierte sich das Implantat.

Eine Folge von Emotionen würde von aufkeimender Erregung bis zur tiefen Befriedigung führen. Dafür wäre keine körperliche Aktivität vonnöten. Kein Partner, weder Mann noch Frau. Es gab keine Krankheiten, die aus diesem Akt entstanden. Die Implantate galten für gesunde Menschen als vollkommen unbedenklich, und Caitlins gute Konstitution war in vielfältigen Tests bestätigt worden.

Der Herr im schwarzen Edelkunstfaseranzug hatte sie ›eine ideale Kandidatin‹ genannt. Er trug bewusst keinen Kittel, wollte keine klinische Kälte vermitteln. Das gesamte Ambiente der Firma war auf Wellness ausgelegt. Dennoch waren die Operationssäle absolut steril. Ein Team von Ärzten würde den Eingriff überwachen.
Schon am Abend sollte es ihr möglich sein, die ersten Emotionen abzurufen. Durch die körperlichen Reaktionen würde sie sich entspannen können [...]

aus »Der Erwählte« von Abel Inkun

Zu Zeiten des großen mongolischen Eroberers Taberlan lebte in Samarkand, der ältesten Stadt der Erde, ein weiser Hammel. Sein Name war Ali, der Gerechte. Ali war der Hammel des Muezzin und wohnte in einem Stall in der Nähe der wunderbaren Bibi-Khanum-Moschee.
Ali war ein besonders frommes Tier. Seine Brüder und Schwestern holten häufig in Fragen des Glaubens und des gottesfürchtigen Lebens seinen Rat ein. Gab es Streit unter den Schafen, wurde Ali gebeten zu vermitteln und ein gerechtes Urteil über die Angelegenheit zu fällen. Den Weibern erklärte er, wie sie nach dem Willen Mohameds ihre Männer beraten und unterstützen sollten und wie sie die Kinder zu erziehen hatten. Die Lämmer unterwies er in den Lehren des Koran. Auch heute unterrichtete er die Kleinen. »Bedenket immer, meine Kinder: Wir sind die von Gott erwählte Rasse, das höchste und vollkommenste Tier der Schöpfung. Die Schafe sind von Allah in besonderem Maße gesegnet. Wir müssen uns zum Beispiel keine Sorgen darüber machen, welche unserer Speisen ›halal‹ – also rein – sind oder nicht. Allah hat in seiner Gnade unsere Mägen so erdacht, dass wir gar kein unreines Fleisch zu uns nehmen können. So werden wir vor der Sünde bewahrt und sind, ohne etwas dafür tun zu müssen, dem Paradies ein gutes Stückchen näher als die Menschen.« Ali lächelte und blökte den Lämmern freundlich zu, während die Kleinen frohgemut an ihren Blättern und Rüben knabberten.

Unbemerkt näherte sich ihnen Hassan, der jüngere Bruder Alis. Hassan war ein heißsporniger Widder und nahm es im Gegensatz zu Ali mit der Religion nicht so genau. Er genoss viel lieber das Leben und machte den hübschen Frauen im Stall schöne Augen.
»Vergesst niemals die Pflicht, fünf Mal am Tage zu beten und euch gegen Mekka zu verbeugen«, rief Ali. »Der wahre Gottesfürchtige spricht natürlich zusätzlich freiwillige Bittgebete, um Allahs Schutz und Segen zu erflehen. Gerne kann ich euch nachher Textvorschläge dafür geben, meine Kinderchen.« Selbstgefällig schloss er die Augen und kaute am Heu.
Hassan brach in blökendes Gelächter aus. [...]